Wilhelm Fürst von Albanien, Prinz zu Wied

Von Fürst Friedrich Wilhelm zu Wied und Heinz Schwarz

Im Festsaal des Neuwieder Schlosses finden regelmäßig Wohltätigkeitskonzerte statt. So auch am 2. Juli 1997 mit Migen Begolli (Violine) und Fedra Blido-Roshi(Klavier) aus Albaniens Hauptstadt Tirana zugunsten der Kinderstation des Krankenhauses in Vlora/Südalbanien.

Die albanische Delegation trägt Prinz Wilhelm zu Wied am 21.2.1914 die Fürstenkrone Albaniens an
Bild: albanische Delegation vor dem SchloßIm Festsaal des Neuwieder Schlosses, in dem am 2. 7. 1997 Migen Begolli (Violine) und Fedra Blido-Roshi (Klavier) konzertierten, traf man sich vor 83 Jahren, am 21.2.1914, zu einem Festbankett, unterhalten von Tafelmusik mit Kompositionen u.a. von Wagner und Tschaikowski, die vom Torgauer und vom Hohenfriedberger Parademarsch umrahmt wurden. Eine Stunde zuvor hatte eine Delegation von 18 Albanern, die verschiedene Bezirke Albaniens vertraten, dem Prinzen Wilhelm zu Wied die Krone ihres Landes angetragen. Prinz Wilhelm hatte sie angenommen und war nun Fürst von Albanien. Nach 180 Tagen war bereits alles vorbei. Waren also Abenteurer nach Neuwied gereist, die sich einen Glücksritter zum Anführer suchten?

Dem Ereignis der Fürstenkür in Neuwied waren kriegerische und diplomatische Verwicklungen auf dem Balkan vorausgegangen.

Nach der Schlacht auf dem Amselfeld 1389 verleibten die siegreichen Türken den größten Teil des Balkans und damit Albanien ihrem Reich ein. Die Unabhängigkeit Albaniens 1444 - 1468 unter dem rebellischen Skanderbeg blieb Episode. Aber sein Wappen, der doppelköpfige Adler, wurde 1912 und ist heute wieder Albaniens Wappentier. In den folgenden Jahrhunderten war das Land mit dem übrigen Balkan eine Randzone des türkischen Reiches. Es blieb unterentwickelt.

Als Rußland seit Peter dem Großen (1672 - 1725) sich auszubreiten begann, drängte es die Türkei zurück. In die Turbulenzen wurde auch der türkische Balkan hineingezogen, wo sich, wie im übrigen Europa, die Völker zu Nationalstaaten zu formieren suchten. Zugleich stritten sich die damaligen Großmächte, vor allem Rußland, die k. und k. Monarchie Österreich-Ungarn und Italien, um Einfluß auf dem Balkan. Im Februar 1912 entrissen die Staaten Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland im 1. Balkankrieg dem türkischen Reich den größten Teil des Balkans, darunter auch Albanien. Der Streit über den Anteil an der Beute löste 1913 den 2. Balkankrieg aus: Bulgarien gegen Serbien, dem Griechenland, Rumänien und die Türkei beistanden. Albanien war aufgeteilt: Serbien hielt Mittelalbanien, Montenegro den Norden und Griechenland den Süden besetzt. Österreich-Ungarn war für, Rußland und Serbien waren gegen die Selbständigkeit Albaniens.

Ein Bericht von 1921 (113-4-10) nennt Zahlen von 1919. Das damalige Albanien, etwa so groß wie Belgien, hatte rund 1,2 Millionen Einwohner, davon 700 Tausend Mohammedaner in Mittelalbanien, 300 Tausend griechisch-orthodoxe Christen im Süden und 200 Tausend römisch-katholische Christen im Norden. Ungefähr eine weitere Million Albaner fand sich von den anderen Balkanstaaten vereinnahmt, überwiegend von Serbien und dort vor allem im Kosovo.

Die albanische Nationalstaatsbewegung hatte vorerst nur wenige Verfechter, weil die Albaner sich entsprechend ihrer religiösen Dreiteilung ausrichteten und die mohammedanische Mehrheit dem islamischen Staatsverständnis eines Vielvölkerstaates des türkischen Reiches zuneigte. Als die Türkei diese Staatsform den Albanern, zumal deren tonangebender, islamisierter Oberschicht, nicht mehr gewährleisten konnte und deshalb Albanien unter die Nachbarstaaten aufgeteilt zu werden drohte, trafen sich am 28.11.1912 im noch unbesetzten Hafen Vlore zunächst Vertreter aus Süd- und Mittelalbanien zu einem Nationalkongreß und riefen die Unabhängigkeit Albaniens aus. Zugleich setzten sie eine provisorische Regierung ein.

Um zu verhindern, daß an den Zwistigkeiten auf dem Balkan und in Albanien ein europäischer Krieg sich entzündete oder im anderen Fall das jeweilige Bündnis - die Entente von Frankreich, Rußland und England hier, der Zweibund von Deutschland und Österreich-Ungarn dort - zerbrach, ließen die Großmächte Österreich-Ungarn, Italien, Rußland, Frankreich und Deutschland ihre Botschafter in London am 3.12.1912 zu einer Konferenz unter Vorsitz des englischen Außenministers zusammentreten. Sie bestätigte am 29.7.1913 Albaniens Unabhängigkeit, die damit völkerrechtlich gesichert war. Die Londoner Beschlüsse bestimmten in Punkt 1: "Albanien wird als ein (... ) erbliches Fürstentum unter der Garantie der sechs Mächte errichtet. Der Fürst wird durch die sechs Mächte designiert werden." Zur Kontrolle der Zivilverwaltung und der Finanzen setzte man auf 10 Jahre eine Internationale Kommission aus Vertretern der sechs Mächte und einem Albaner ein. Für die öffentliche Sicherheit sollte eine Gendarmerie unter holländischen Offizieren sorgen.

Dann begann die Suche nach einem geeigneten Fürsten. Christian Schmitz (S. 13) zählt 19 Kandidaten oder Bewerber auf. Prinz Wilhelm zu Wied war zunächst nicht dabei. Österreich-Ungarn und Italien als die am meisten um Einfluß in Albanien bemühten Großmächte einigten sich schließlich darauf, daß der künftige Fürst, um den mohammedanischen, griechisch-orthodoxen und römisch-katholischen Volksteilen unparteiisch gegenübertreten zu können, protestantischen Glaubens sein solle. Also wurde Prinz Wilhelm zu Wied vorgeschlagen, vermutlich zuerst von Rumänien gegenüber Österreich-Ungarn. Die rumänische Königin Elisabeth, als Schriftstellerin bekannt unter ihrem Pseudonym * Carmen Sylva, war eine geborene Prinzessin zu Wied und Wilhelms Tante. Die Staatswerdung Rumäniens unter dem ebenfalls aus Deutschland berufenen Prinzen Karl von Hohenzollern-Sigmaringen war über Jahrzehnte erfolgreich verlaufen. Die Adria-Mächte Italien und Österreich-Ungarn wünschten keinen Kandidaten der Entente-Mächte Rußland und Frankreich. Weil von den Großmächten Deutschland am wenigsten an Balkanfragen interessiert war, fand ein deutscher Kandidat am ehesten die Zustimmung aller Mächte.

Ekrem Bey Vlora, während der Regierung des Prinzen Wilhelm dessen enger außenpolitischer Mitarbeiter, schreibt in seinen Erinnerungen (Bd. 2, S. 44-48), er habe alle Thronkandidaten gekannt, keiner sei besser als Prinz Wilhelm gewesen: "Er machte den Eindruck eines großen und edlen Herrn, eines gediegenen, ernsten, redlichen (für Albanien vielleicht zu ehrlichen) Menschen, der entschlossen war, eine große Verantwortung ohne Illusionen auf sich zu nehmen und zu tragen."

Eine der zur Begrüßung gekommenen albanischen Deputationen
FahnenträgerparadeDennoch dauerte Prinz Wilhelms Herrschaft als Fürst von Albanien nur vom 7.3.1914, dem Tag seiner Ankunft in Durres, bis zum 3.9.1914, dem Tag seiner Abreise aus dem Land. Er hat nie abgedankt, aber es war ein Abschied ohne Wiederkehr. Warum?

Fürst Wilhelm hatte den Beruf des Offiziers gelernt, diente zunächst in der Garde du Corps und wurde nach drei Jahren Generalstabsausbildung als Rittmeister zum 3. Garde-Ulanen-Regiment in Potsdam kommandiert. In Fragen der Volkswirtschaft, des Staatsrechts, des internationalen diplomatischen Spiels war er nicht geschult. Albaniens Land und Leute waren ihm fremd. Er wäre auf loyale Ratgeber angewiesen gewesen. Davon gab es zu wenige. Die Großmächte hatten ihn dem albanischen Nationalkongreß vorgeschlagen, unterstützten ihn dann aber nicht, zumal sie seit dem 1./3./4.8.1914 im Krieg gegeneinander sich um die Verteidigung des eigenen Landes kümmem mußten. Das zugesagte Geld blieb aus. Italien intrigierte offensichtlich gegen den Fürsten. Deutschland verhielt sich von Anfang an strikt neutral. Prinz Wilhelm schrieb am 24.8.1913, Kaiser Wilhelm II. habe ihm gesagt: "Daß Du mir ja nicht auf den Unsinn mit Albanien hereinfällst." Am 10.11.1913: "Der Reichskanzler hatte den Diplomaten der anderen Länder gegenüber kein Hehl daraus gemacht, daß er mir abgeraten habe." In dieser Zurückhaltung verharrte Deutschland auch 1914. Schließlich erhoben sich in Mittelalbanien mohammedanische Albaner, die eine Rückgliederung Albaniens an die Türkei forderten. Der Aufstand war erfolgreich. Fürst Wilhelm konnte sich nicht halten und verließ am 3.9.1914, einen Monat nach Ausbruch des 1. Weltkriegs, das Land.

Ankunft des Fürstenpaares in Drres am 7.3.1914
Fürst Willhelm mit FrauSein älterer Bruder, Fürst Friedrich zu Wied, notierte am 9.6.1914 während der Krise: "Wir haben ja alle so lange wie möglich abgeraten, schon im Gefühl, daß Willy durch seine vornehme Anständigkeit solchen Zuständen gegenüber machtlos sein würde." Ein Freund Prinz Victors,der Diplomat Ferdinand von Stumm, hatte am 24.8.1913 geschrieben, Albaniens Thron sei nur etwas für einen schwerreichen Junggesellen, der viele gefährliche Tiere gejagt habe. Auch die Verwandten von Fürst Wilhelms Ehefrau, der Prinzessin Sophie von Schönburg-Waldenburg, waren alle gegen die Übersiedlung nach Albanien. Aber Prinzessin Sophie, Enkelin einer rumänischen Prinzessin, scheint ihren Mann bestärkt oder sogar angetrieben zu haben, die Herausforderung anzunehmen. Denn Prinz Wilhelm zögerte lange, der ihm angetragenen Kandidatur zuzustimmen. In einem Brief vom 20.5.1913 an seinen Bruder Victor schrieb er, wegen der albanischen Thronkandidatur verulke man ihn von allen Seiten. Er ulkte mit, weil er gar nichts davon wisse. In seiner Denkschrift von 1917 betont er (S. 15): "Erst auf wiederholtes Bitten und Drängen von Seiten der beiden am meisten interessierten Großmächte Österreich-Ungarn und Italien sowie im festen Vertrauen auf die Garantieerklärungen und Versprechungen aller an der Londoner Konferenz beteiligten Großmächte und in der Hoffnung, zur Beruhigung des neu errichteten albanischen Staates und hiermit zu der des Balkans beizutragen, erklärte ich mich Anfang Dezember 1913 zur Thronannahme unter gewissen Bedingungen bereit." Bis dahin "verhielt ich mich zunächst ablehnend." In seinem Brief vom 2.12.1913 liest sich das so: "Fritz (sein älterer Bruder) soll noch immer sehr den Kopf schütteln, und Pauline ('Fritzens' Ehefrau) ist ganz dagegen. Jetzt, wo einmal die Entscheidung vorbei ist, bin ich ganz befriedigt, nur das ewige Abschiednehmen wird mir sehr schwer."

Prinz Wilhelm holte sich Rat bei seinem Bruder Victor, der als Legationssekretär und dann als Legationsrat an der deutschen Gesandtschaft in Kristiania in Norwegen tätig war. Dieser geübte Diplomat formulierte ihm jene 10 Punkte, deren Erfüllung Prinz Wilhelm zur Vorbedingung seiner Zustimmung machte. Er hielt den Diplomaten-Bruder während der folgenden Jahre über seine Gedanken und Maßnahmen auf dem laufenden, betonte jedoch, er wolle 'in keiner Weise versuchen, Deine ablehnende Ansicht umzustimmen' (16.7.1917). Dies schrieb er im Begleitbrief zu seiner 1917 verfaßten "Denkschrift über Albanien". Zu diesem Zeitpunkt war er schon drei Jahre außer Landes und stand als deutscher Offizier an der Front in Rußland. Nachdem er sich entschieden hatte, den Albanern als Fürst zur Verfügung zu stehen, hielt er daran auch nach seinem Weggang aus Albanien fest.

Seine Zeitgenossen äußerten sich zum Teil sehr kritisch und hämisch über seine Rolle in den albanischen Wirren. Die politischen und seine persönlichen Voraussetzungen für sein Wirken als Fürst waren ungünstig.

Ein gerechtes Urteil muß jedoch berücksichtigen, daß er sich nicht zu dieser Aufgabe gedrängt hat. Er mußte gedrängt werden. Er war kein Abenteurer. Ein gerechtes Urteil muß auch darauf hinweisen, daß die beteiligten Großmächte - also in deren Namen auftretende Personen, die nach der von ihnen zu verantwortenden Staatsräson oder in einem ebenfalls von ihnen zu verantwortenden "Großen Spiel" handelten - ihr Versprechen auf Unterstützung nicht hielten. Sie waren es, die den Widerstreit zwischen dem System des den europäischen Frieden durch ein Gleichgewicht sichernden sogenannten "Konzerts der Großmächte" und dem System der den 1. Weltkrieg im August 1914 auslösenden Blockbildung von Entente und Zweibund nicht überwanden. In diesen Strudel rissen sie Albanien und seinen Fürsten mit hinein. Dem Fürsten Wilhelm das Mißlingen seiner Mission in Albanien als Makel anzuhängen, wäre nicht anständig. Alle Urteile bestätigen, Fürst Wilhelm sei ein integrer, ritterlicher Charakter gewesen. Sein Brief vom 22.12.1916 überliefert, wie er aus dieser Haltung heraus gegenüber dem deutschen Staatssekretär des Äußeren (Außenminister) Zimmermann sein Versprechen, immer für das Wohl Albaniens zu arbeiten und wieder ins Land zurückzukehren, verteidigte. Er wolle nicht zu der Klasse jener Fürsten zählen, die ihr Wort gebrochen hätten. Er könne der Auslegung Jagows (des vorherigen deutschen Staatssekretärs des Äußeren) nicht folgen, "der behauptete, so etwas sage man doch nur so hin. (... ) Ich denke dran, wie Papa mit uns in Neuwied durchs Schloßtor ging und auf das neue vergoldete Wappen zeigte und sagte: Haltet es mir rein!": Fidelitate et veritate: mit Treue und Wahrheit.


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Als Materialgrundlage vgl.:
Wilhelm Fürst von Albanien, Prinz zu Wied: Denkschrift über Albanien. Als Manuskript gedruckt. Nicht für die Öffentlichkeit. Glogau/Berlin (1 917)
Ekrem Bey Vlora: Lebenserinnerungen, Bd 2 = Südosteuropäische Arbeiten 67, München 1973
Christian Schmitz: Fürst Wilhelm Prinz zu Wied in internationalen Pressedarstellungen, maschinenschriftliche Magisterarbeit Universität Bochum 1991
Briefe (ohne Signatur) und Akten im Fürstlich Wiedischen Archiv, Neuwied

- Hans-Jürgen Krüger -

Dieser Bericht wurde als Informationsheft Nr.: 1 vom Deutsch-Albanischen Kulturkreis anläßlich des Wohltätigkeitskonzerts zugunsten der Kinderstation des Krankenhauses in Vlora/Südalbanien am 2. Juli 1997 im Schloß Neuwied herausgegeben.

Der Deutsch-Albanische-Kulturkreis e.V. (Dorotheenstr. 239, 53119 Bonn) wurde am 21. März 1997 in Bonn gegründet. Zweck des Vereins ist es, das Verständnis für die Fragen Albaniens in Deutschland im Sinne der Völkerverständigung zu fördern. Er tritt für die Aufrechterhaltung, Pflege und Stärkung der gegenseitigen kulturellen Beziehungen zwischen beiden Völkern ein. Sein Vorsitzender ist Staatsminister a.D.Heinz Schwarz.

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